Sonntag, Juni 08, 2014

Schmierseife und Eisenkrise








In den ersten fünf Teilen passierte nicht viel. Hank wurde reingelegt von zwei Mädels, so, wie er sich immer von irgendwelchen Mädels reinlegen ließ. Sie stopften ihm ein elektrisches Ding ins Ohr und prompt landete er im Cyberspace. Dort geriet er an einige seltsame Zeitgenossen, an Frauen mit Bärten, an Nigger mit spitzen Ohren, an stotternde Weicheier und kurvige Rothaarige in fünfeckigen Zimmern. Im Zuge der allgemeinen politischen Verhältnisse wurde einer seiner Spaziergangspartner von ominösen Gestalten im Walde umgenietet. Nach dessen schwieriger Bestattung gurkte Hank mit seinen Freunden etwas durch die Gegend und landete schließlich im Freundlichen Arm, wo er sofort Anschluß an die örtlichen Verlierer fand. Womit wir schon mitten drin wären...

Sie waren verrückt, alle miteinander. Der eine ernährte sich von Stickoxiden, der zweite fraß Ratten und der dritte verhökerte seine Schwestern. Unter solchen Wahnsinnigen fühlte ich mich zuhause.
Was mochte in der Kiste sein? Drei Versuche hatte ich. Sollte ich’s spannend machen? Mir war nicht danach.
 „Allright“, sagte ich, „du Dreikäsehoch meinst also, ich würde nicht drauf kommen, was in dieser Pappschachtel drin ist, wie?“
„Ja Mann, das rätst Du nie! Dagegen war der Name von Rapunzel ein Kinderspiel!“
„Du meinst Rumpelstielzchen...“
„Der erst recht!“ Er nahm einen vorsichtigen Schluck aus seinem Tequila-Glas, hustete, lief rot an und steckte sich die dazugehörige Zitrone ins Gesicht. Sah damit nicht besser aus. „Das mit der Reihenfolge hab ich noch nicht so richtig drauf...“, murmelte er.
„Na gut, also drei Versuche hab ich, right?! Und wenn ich’s rauskrieg, stellst du mir all deine
schnuckeligen Schwestern vor, so sieht der Deal aus, korrekt?!“
„Ja, ja, ja! Nun mach’s nicht so spannend, du kriegst es eh nie raus!“
„Ich weiß, was da in dieser Kiste ist.“
„Gnagnagna! Wenn du’s weißt, dann sag es doch!“
„Bist du dir sicher, daß ich’s sagen soll?“
„Hundert pro!“
„Na gut. Ich sag’s dir in’s Ohr, vielleicht sollen deine Kumpel ja lieber nix davon erfahren. Soll ich’s dir flüstern?“
„Oh Mann, der zieht hier eine Show ab! Aber von mir aus, flüster mir’s.“
„Na, dann neig dein grünes Ohr rüber, Bruder!“
Er hielt mir seine Rübe hin und ich sagte es ihm. Es traf ihn hart.
„Nein, das darf nicht wahr sein!“
„Stimmt doch, oder?!“
„Das – das...! Was – äh- woher, ich meine... Wie konntest du das rauskriegen? Und gleich beim ersten Vesuch?!“
Ich leerte mein Glas auf ex und lehne mich sourverän zurück, soweit ich das auf dem Barhocker hinkriegte.
„Tja, Kleiner, bist eben an einen Profi geraten...“
„Aber... - das ist unmöglich. Du konntest es doch gar nicht wissen! Wir sind uns noch nie begegnet, woher willst du da wissen...“
„Intuition. Schicksal. Kharma. Ich kenn mich aus.“
„Aber da hätte doch alles mögliche in der Kiste drin sein können! Zum Beispiel ein Videorekorder!“
„Dafür ist das Paket zu klein.“
„Naja, dann halt eine Videocasette...“
„Zu groß.“
„Es hätten aber drei Videocasetten zusammen sein können!“
„Zu flach.“
„Oder eine beschissene Sammlung DVDs oder CDs oder Pornoheftchen von meinem Onkel!“
„Hätte sein können, aber dem ist nicht so.“
„Das – das glaub ich einfach nicht. Du hast das einfach so geraten?!“
„Yep.“
„Unglaublich. Ich fass es nicht.“
„Na, irgendwann wirst du’s schon raffen. Wie sieht das mit deinen Schwestern aus, wo kann ich die jetzt treffen?“
Er nuschelte irgendwas.
„Wie bitte? Du mußt schon etwas lauter mit mir sprechen, ich bin ein altersschwacher Poet und meine Ohre lassen langsam ein bißchen nach.“
„Ich – äh... Da ist ein kleines Problem.“
„Jau!“, meldete sich der Zwerg zu Wort, dem noch ein halber Rattenschwanz zwischen den Lippen hervorragte. Schien sich irgendwie in seinem Bart verfangen zu haben. „Pali kann Dir seine Schwestern nicht vorstellen...“
„Exakt!“, fügte das rauchende Biafra-Kind hinzu.
„Und wo genau liegt da das Problem?“
Der Dreikäsehoch nahm eine Prise Salz aus dem Schälchen, daß ihm Jaheiras Schwager neben seinem Tequila gereicht hatte. Er verzog angewidert das Gesicht, biß herzhaft in die Zitrone und dabei spritzte ihm ein Tropfen ins Auge.
„Arrrgh! ARRRGH! DIESE MIESE KLEINE VERSCHRUMPELTE ZITRONE HAT MICH ANGEGRIFFEN! DIESE GELBE MÖHRE, DIESES HINTERFOTZIGE GEMÜSE WILL MICH UMBRINGEN! KILLEROBST AUS DEM ALL BEDROHT DIE MENSCHHEIT! ICH BIN VERLETZT, ICH MUSS IN DIE NOTAUFNAHME, SOFORT, JETZT GLEICH, GESTERN!!!“ Er sprang auf, stieß dabei seinen Barhocker um und hüpfte im Dreieck wie ein minderjähriger Flummi. Es war eine gute Show. Wirkte fast überzeugend. Etwas aufgesetzt vielleicht, aber an jeder Show gibt’s noch was zu verbessern.
Das dachten sich die anderen Gäste wohl auch. Ein paar hatten sich zu uns umgedreht. Sally natürlich nicht, denn wenn jemand rumbrüllte, dann war normalerweise ich das. Sally hatte sich angewöhnt, in solchen Fällen jeglichen Verdacht, wir könnten zusammengehören, zu zerstreuen. Sie liebte mich wirklich, aber jede Liebe hat ihre Grenzen und sich in der Öffentlichkeit mit mir zu blamieren, war nicht Sallys Fall.
Die Leute merkten, daß der Kleine nur eine Show abzog und daß wohl keine weiteren Pointen zu erwarten waren. Also wendeten sie sich wieder ihren Getränken zu. Der Magersüchtige, der Rattenfresser und ich schauten uns den Kistentypen an, wie er da stand, sich mit beiden Händen das rechte Auge hielt, so, als würde dort gleich eine ganze Welle von Blut und Gekröse rausschwappen, und wohl darauf wartete, daß jemand auf sein Stichwort hin die Szene weiterspielen würde.
„Hey, kann es sein, daß du mich hier verarscht hast? Ich habe so den vagen Verdacht, du könntest gar nicht allzuviele junge, willige Schwestern haben...“
„Hey, Chinasky, ich werde dir den Ehrentitel Super-Marlowe an’s Revers heften!“, sagte der Rattenfresser.
Der Dürre nickte dreimal bestätigend. Knack, knack, knack.
“Tut mir leid, tut mir wirklich leid, aber ich konnte doch nicht ahnen, daß du wirklich drauf kommen würdest, was in der Kiste steckt…”, wimmerte der Kleine.
„Ich bin enttäuscht. Es bricht mir das Herz. Du hast also einen gebrechlichen, schwerhörigen, alten Mann hinters Licht geführt...“
„Ohne Absicht, ich schwör’s! Keinesfalls wollte ich dich betrügen, das mußt du mir glauben!“
„Du hast mich also unbeabsichtigt hinter Licht geführt?!“
„Naja...“
„Weißt du, was man dort, wo ich herkomme, mit Falschspielern macht?“
„Ich – äh – nein?...“
„Ich auch nicht. Dort, wo ich herkomme, spielt man nicht falsch. Keine Ahnung, was man dort mit Falschspielern machen würde. Wahrscheinlich würde man ihnen die Augen rausquetschen, die Glubscher in den Mixer stecken, eine Prise Salz und etwas braunen Rum dazu und ein Viertel Limettensaft, dann kräftig shaken und... Da fällt mir ein: Mein Glas ist schon wieder leer.“
„Ich geb dir einen aus, ich geb dir einen aus, ich geb dir einen...“
„Das will ich wohl meinen, Falschspieler!“


Wir saßen am Thresen und die Stimmung war ein wenig gedrückt. Der Betrug lag immer noch wie eine Furzwolke in der Luft. Mir machte der Gestank nichts aus. Ich war’s gewohnt, daß man mich anlog. Lügen waren das einzig Verläßliche in meinem Leben. Alle und jeder logen mich an. Es mußte irgendwie auf meiner Stirn eingaviert sein: Hey los, verarsch mich! Möglicherweise hatte ich schon seit mehreren Jahren kein ehrliches Wort mehr gehört. Vielleicht waren die Wahrheiten inzwischen abgeschafft. Ausgerottet. Oder man hatte sie zumindest gut weggeschlossen. Ich hatte mich längst dran gewöhnt.
Meine Eltern hatten mich angelogen, als ich sie fragte, ob sie vor meiner Geburt gefickt hätten. „Nein, haben wir nicht, aber jemandem, der so schmutzige Wörter in den Mund nimmt, dem muß man den Mund mit Seife auswaschen!“, hatte mein Vater gesagt. Und dann hatte der mir den Mund mit seiner großen, mit Warzen übersäeten Hand aufgesperrt und mir Schmierseife eingeflößt. Die Schmierseife, mit der meine Mutter zweimal die Woche das Treppenhaus in unserer Mietkaserne schrubbte. Es war billige Schmierseife, sie war ätzend und scharf und roch nicht etwa frisch, sondern wie Salzsäure. So hatte sie auch geschmeckt und ich hatte gerotzt und gespuckt, aber mein Vater fuhr mir mit seinen hornigen Fingern in den Mund, zwängte ihn auf und schüttete noch eine Ladung Schmierseife hinterher. Ich hatte mich auf den Boden geworfen und geröchelt und vor lauter Tränen gar nichts mehr sehen können und irgendwie hatte ich wohl was von dem Zeug geschluckt und ich mußte kotzen und konnte nicht richtig, und meine Gedärme hatten angefangen zu glühen und irgendwas zerriß in mir drin, wie ein überspanntes Drahtseil, und schlug hin und her und zerfetzte meine Innereien. Und so lag ich da, sieben Jahre alt, in der Soße aus Erbrochenem und Spülseife und mein Vater stand breitbeinig über mir und sagte: „Wer so schmutzige Wörter benutzt, der darf sich nicht wundern. Deine Mutter und ich, wir machen sowas nicht, das merke dir ein für allemal!“
Und sie hatten gelogen. Denn ein paar Monate später kam ich früher nach Hause, als bei uns die Schule ausfiel, weil unsere Englischlehrerin von der Bahn überfahren worden war. Da hatte ich meine Eltern erwischt, wie sie fickten. Meine Mutter hatte auf der Wohnzimmercouch gelegen und ihre wabbeligen, weißen Beine hatten aus ihren altmodischen braun-ocker-karierten Röcken hervorgeragt wie Maden aus dem Holz alter Bäume, wenn man da die Rinde abriß. Dazwischen hatte mein arbeitsloser Vater gelegen, unrasiert, pumpend und grunzend.
„Was glotzt du so dämlich, was machst du überhaupt hier, fängst du jetzt schon an zu schwänzen?“, hatte mein Vater da gebrüllt und war von meiner Mutter runtergerollt, und auf den Teppich geplumpst. Dann hatte er aus seiner Hose, die dort neben ihm lag, den Gürtel rausgezogen und mir meine tägliche Portion verabreicht. Und zwischen den klatschenden Schlägen, die mal wieder rote Streifen auf meinem Rücken hinterließen, hatte sich mir meine erste wichtige Kindheitserfahrung eingebrannt: ich hatte verlogene, verfickte Eltern.
Später dann hatte ich gemerkt, daß alle so waren wie meine Alten. Alle logen und alle fickten und keiner wollte das zugeben, und die, die behaupteten, sie würden gerne und oft und viel und gut ficken, die waren die größten Lügner.
Die Frauen aber waren geschickter und raffinierter beim Lügen. Meine Mutter beispielsweise hatte mich damals, als mein Vater fertig mit mir war, beiseite genommen und zu mir gesagt: „Henry, das war nicht richtig, was du da deinem Vater angetan hast, er leidet genauso darunter, wenn er dich bestrafen muß, wie du. Er leidet sogar noch mehr darunter, denn eigentlich liebt er dich, und nur, weil er dich so sehr liebt, und weil er will, das ein guter Mensch aus dir wird, deswegen muß er dich schlagen. Und Henry – das, was du da eben gesehen hast, als du reinkamst, das... Das hast du nie gesehen, haben wir uns da verstanden? Das hast du nicht gesehen und deswegen wirst du es auch deinen Freunden nicht erzählen, klar? Sonst muß dein Vater dich noch viel strenger erziehen, obwohl er das gar nicht gern tut und obwohl er darunter so sehr leidet.“
So hatte meine Mutter gelogen und ich hatte genickt, mit zusammengebissenen Zähnen genickt, und durch einen Schleier auf meinen Augen hindurch hatte sie noch verschwommener als sonst ausgesehen. Diese Lektion hatte ich gelernt.
Am nächsten Tag in der Schule, wo wir jetzt eine frische Englischlehrerin hatten, da hatte ich zu meinem Kumpel Hardy gesagt: „Meine Eltern ficken noch immer. Aber nicht so wie deine, sondern anders. Mein Dad hat sein Ding meiner Mutter hinten reingesteckt, weil es vorne nicht reinpaßte. Und da hat er es drin stecken lassen und es war so groß und hart, daß er auf diesem Ding sozusagen schweben konnte. Er schwebte über meiner Mutter, freihändig, nur gestützt auf sein riesiges, hartes Ding, daß ihr hinten drin steckte, wie eine Art Doppeldecker. Und wenn ich mal groß bin, hat meine Mum gesagt, dann darf ich das auch mal probieren, dann kann ich das auch, weil es sind die Gene von meinem Dad in mir drin und mein Ding wird auch mal so groß und hart und gewaltig wie das von meinem Dad...“
„Du spinnst doch, das kann doch gar nicht sein!“, hatte Hardy gesagt.
„Und ob das sein kann! Ich lüge doch nicht!“
„Dann schwör auf die heilige Bibel und den Präsidenten, daß du die Wahrheit gesagt hast!“
Und so hatte ich also bei der Heiligen Bibel geschworen, daß mein Vater auf seinem Schwanz wie ein Doppeldecker über meiner Mutter geschwebt hatte und Hardy hatte mir geglaubt und mich beneidet und in der Pause mein laffes Erdnußbutterbrot gegen sein leckeres Sandwich mit Putenschnitzel getauscht. Weil man sich gut stellen mußte mit Leuten wie mir, die solche Gene in sich trugen.
Seither hatte ich alle Welt belogen, so, wie alle Welt mich belog. Und die Frauen logen raffinierter und auch komplizierter und das lag vielleicht daran, daß sie klüger waren oder einfach mehr Übung im Lügen hatten, keine Ahnung. Und jetzt hatte mich dieser Dreikäsehoch hier mit seiner Kiste unterm Arm belogen und es war mir sowas von egal. Was hätte ich denn mit seinen Schwestern anfangen sollen? Ich hatte Sally und Jaheira und meine treue rechte Hand, wenn mal Not am Mann war. Mir machte es nichts aus, daß man mich betrogen hatte. Im gegensätzlichen Fall wäre ich mißtrauisch geworden...
Aber Pali schien vor Reue zerknirscht und der Dürre neben ihm schien sich für seinen Kumpel zu schämen und guckte angestrengt auf seine Spinnenfinger, in welchen er die Kippe hielt. Der blaue Qualm, den er über sie hinwegblies, überlagerte ihre nikotingelbe Färbung, sodaß sie grün erschienen.
Der Zwerg, dem sein Kumpel ebenfalls peinlich war, bestellte noch ein weiteres Rattensandwich mit Ketchup und dann noch eins und noch eins. Er verschlang sie mit einer Geschwindigkeit, als müsse er für seinen dürren Kollegen mitessen. „Mitesser!“, dachte ich bei mir und grinste dümmlich in mich hinein, um dann ein weiteres Bier hinterherzuschütten.
Nach dem fünften Rattensandwich war Schluß und der Zwerg rülpste, weil er wohl hoffte, damit die Stimmung aufzuhellen, laut und vernehmlich.
„So!“, sagte er, „Das hat gut getan. Und nun würde es mich aber doch mal interessieren, was du da in deinem Paket drin hast, Pali! Was meinst du, Skull, was hat Pali da drin?“
„Na, ratet doch mal!“ Pali hatte wieder Oberwasser. „Da kommt ihr nie drauf!“
„So schwer kann es nicht sein, wenn dieser alte schwerhörige Lyriker das gleich beim ersten Versuch rausgekriegt hat!“
„Na dann – rate mal!“
„Hhm... Was meinst du, Skull, was könnte er da drin haben?“
„- - - „
„Naja Skull, du bist nicht immer eine wirkliche Hilfe. Okay, ich rate mal: Du hast da drin einen Mini-DVD-Player.“
„Falsch.“
„Dann sind es ein paar Ausgaben der CINEMA.“
„Wieder falsch, hehe!“
„Bin ich denn wenigstens nahe dran? Ich meine: äh – kalt oder heiß?!“
„Kalt wie ein Fisch!“
„Es hat nichts mit Filmen und Video zu tun?“
„Hehehe!“
„Och komm, du kannst ruhig mal einen kleinen Hinweis geben!“
„Hehehehehe!“
„Pali, du bist doof!“
„Nein, du bist doof, du kommst nicht drauf!“
„Och Mönsch... Du könntest ruhig mal... Skull, was meinst du, sollte er uns nicht mal einen winzig kleinen Tipp geben...?“
„ - - - „
„Hehehehehehehe!“
„Hank, wie wär’s, gib du mir doch mal nen Hinweis, wenigstens so die grobe Richtung!“
„Hhmm. Ich weiß nicht, ob das korrekt wäre. Das wäre ja sowas wie Schummeln, oder?“
„Aber es braucht ja nur ein ganz, ganz winziger Hinweis zu sein. Zum Beispiel: Hat es im entferntesten etwas mit Videos zu tun? Ich meine: im Allerallerallerallerentferntesten?“
„Nun, also, äh...“
Jemand tippte mir von hinten auf die Schulter. Sally.
„Hank, ich bin müde, ich geh jetzt hoch. Kommst du?“
Ich breitete bedauernd die Hände aus. „Tja, Jungs, tut mir leid, aber ich muß wohl mal. War nett, euch kennengelernt zu haben!“
Ich stieg von meinem Barhocker runter, legte zwei Fingerspitzen an die Stirn und nickte ihnen zu. Dem dünnen Schweigsamen, dem ketschupverschmierten Zwerg und dem Wettanfänger mit seiner Kiste. Dann griff die Schwerkraft nach mir und warf mich sanft hin und her, wie es immer so nach fünfzehn oder zwandzig Bier der Fall sein sein pflegte. Ich torkelte, wurde aber von ein paar hinter mir stehenden Tischen und einer Wand behutsam in die richtige Richtung geschubst, und dann heftete ich mich meiner lieben Sally an die Hinterlichter, die da so herrlich kurvig vor mir wogten und wippten, während sie vor mir die Treppe hochstieg.
Als wir in unserem Zimmer angelangt waren, zog Sally irritiert ihr Näschen kraus.
„Sag mal, hier riecht es aber irgendwie komisch, findest du nicht?“
„Nö, wieso?“
„Na, dieser Geruch, als wenn jemand... Sag mal, Hank, hast du dir hier vorhin einen abgehobelt?“
Ich wankte auf sie zu, und umfing sie mit meinen starken Armen. „Sally-Babe, wie kommst du denn auf so eine Idee? Wer sowas wie dich hat, der wäre doch schön doof, sich selbst den Saft abzudrehen, oder?“
„Hhm... Naja, da ist was dran, Hank. Also los, dann zeig mir mal, wie gut du im Saft stehst!“
Sie zog mich lasziv in Richtung des Bettes. Dabei kamen wir gemeinsam ins Stolpern und wahrscheinlich riß sie mich durch ihr Gewicht mit um, und so landeten wir beide auf den Bodendiehlen.
„Hank, du bist ja stockbesoffen!“
„Hmpf?!“
„Hank, du zerquetschst mich ja!“
Das war das Letzte, was ich an diesem Abend hörte. Falls ich es noch hörte. Wahrscheinlich war ich schon vorher eingeschlafen.


„Aufstehen! AUFSTEHEN!!“
Jemand machte sich mit einer Brechstange an meinen Augenlidern zu schaffen. Es war das fahle Morgenlicht, welches sich rücksichtslos durch das Fenster Bahn brach, nachdem Sally eben gerade die Vorhänge beiseite geschoben hatte.
„Los, Hank, du nasser Sack, krieg deinen Hintern hoch, wir müssen los!“
Ich lag da, wo Sally mich am Abend vorher von sich heruntergewälzt hatte, also auf dem kalten Holzfußboden. Alle zweihunderdreiundsiebzig Knochen im Leib taten mir weh. Ein riesiger, schmutziggrauer Kater hatte seine Krallen ausgefahren und ratschte damit an der Innenseite meines Schädels entlang. Mit einem Geräusch, als würde er das auf einer Schiefertafel tun. Ich hatte heftigen Durst. Und mußte dringend shiffen. Und wollte doch lieber liegenbleiben, das schien mir am sichersten.
Sally trillerte so vor sich hin. Sie ging hier hin, sie ging da hin.  Packte ihre Sachen. Ihre Sachen? Was sollte das? Wo wollte sie hin?
„Sally, was ist los, verdammte Puddingsoße? Was machst du  für eine Thermik?“
„Wir müssen gleich los. Sind für halb sieben unten im Schankraum mit den anderen verabredet.“
„Verabredet? Mit wem? Und was bitte soll das für eine Uhrzeit sein: halb sieben?! Sowas gibt's nicht, und keinesfalls vormittags!“
„Stöhn nicht rum, sondern sieh zu, daß du endlich deine eigenen Siebensachen zusammgegepult bekommst. Die anderen warten auf uns.“
„WELCHE ANDEREN? WAS WIRD HIER GESPIELT?“
„Ah, so langsam wird mein Schatzilein also wach, wie? Anstatt zu brüllen solltest du dir vielleicht lieber mal die Zähne putzen, du stinkst nämlich aus dem Mund!“
Ich träumte sicherlich noch. Kein Mensch stand morgens um vor halb sieben auf. Das war nicht eingeplant. Davon hatte man mir bei meiner Geburt nichts gesagt. Aber Sally schien es ernst zu meinen. Sie ging rüber ins Bad und ich hörte sie weiter trällern, während sie sich ihre Haare kämmte. Diese unglaublichen, rotgoldenen, kilometerlangen Haare, mit denen sie auf jeder Kreuzung den Verkehr lahm legen konnte.
„Sally, jetzt sei doch mal vernünftig!“, krächzte ich, während ich versuchte, mich langsam von der liegenden in eine sitzende Position zu bringen. „Ihr könnt unmöglich vereinbart haben, zu nachtschlafender Zeit euch zu treffen um – um... Äh, warum wollt ihr euch überhaupt treffen? Und warum packst du? Es ist doch schön hier.“
Sie kam aus dem Badezimmer zurück. Wie aus dem Ei gepellt. Eine rothaarige Morgengöttin, eine eigene Art Sonnenaufgang, eine schrecklichschöne Naturgewalt. Sie setzte sich auf das Bett und schaute auf mich herunter.
„Also nochmal zum Mitschreiben: Wir werden uns gleich mit den anderen treffen, mit Moni, Bayan, Khalid und Jaheira. Und dann werden wir losziehen nach Nashkell.“
„Nashkell? Was soll das denn sein? Wo liegt das, wozu ist das gut?“
„Nashkell, das ist dieser Bergarbeiterort im Süden.“
„Aber was, verflixt nochmal, haben wir da denn verloren?“
„Wir müssen herausfinden, was das mit der Eisenkrise auf sich hat.“
„Eisenkrise? Was für eine Eisenkrise?“
„Mensch Hank, wenn du dich mal von etwas anderem als von Bier ernähren würdest, hättest Du schon längst mitgekriegt, daß das Eisen hierzulande Schrott ist. Es gibt kein vernünftiges Eisen mehr, wenn man versucht, eine Hühnerbrühe zu essen, bricht der Löffel schon beim Umrühren ab.“
„Hühnerbrühe? Löffel ab? Sag mal, Sally, bist du dir sicher, daß es dir gut geht?“
„Ja mein Schatz!“ Sie stand auf, machte sich an ihrer Reisetasche zu schaffen. „Mir geht es sehr gut. Ich habe gestern abends einen gesunden Salat gegessen und Mineralwasser getrunken und eine lange, interessante politische Diskussion mit meinen Freunden gehabt. Während jemand anderer sich sinnlos besaufen mußte und nun nicht weiß, was in der Zeitung steht.“
„Man kann sich nicht sinnlos besaufen!“, protestierte ich, aber es war ein matter Protest.
Sie guckte mich an. Auf diese bestimmte Art...
„Okay, also gut, ich habe mich sinnlos besoffen. Aber nun sag mir doch bitte genau, was dieser Trubel jetzt soll. Ich versteht immer nur Eisenkrise. Das kann doch nicht dein Ernst sein, oder? Wenn du ne Eisenkrise hast, dann iß mehr Spinat oder nimm Tabletten...“
Sie seufzte: „Hank, es gibt eine wirtschaftliche Eisenkrise. Die gesamte Schwertküste ist davon betroffen. Und obendrein ist da die Sache mit dem Attentat auf den großen Deumel in Baldurs Tor. Das kann kein Zufall sein. Da ist eine Verbindung. Die Welt ist bedroht. Man muß etwas unternehmen.“
„Was bitteschön wollt ihr denn da unternehmen?“
„Naja, das Übliche eben. Anhaltspunkte sammeln. Die Bösen jagen. Das Komplott aufdecken. Die Welt muß gerettet werden.“
„Da bin ich skeptisch. Warum sollte sie gerettet werden?  So früh am Morgen? Warum sollen ausgerechnet wir das besorgen? Solche Jobs sollte man Profis überlassen.“
„Irgendjemand muß es tun, oder? Und wir sind schon involviert. Denk dran, was mit Gorion passiert ist.“
„Jaja, ich kann mich genau erinnern. Durfte ihn mit bloßen Händen verscharren und hab mir dabei die Fingernägel gebrochen und nicht nur das!“
Sally verdrehte die Augen und seufzte erneut. Dann zurrte sie den Verschluß ihrer Tasche fest und ging zur Tür. „Okay, wir warten unten auf dich. Du hast ‚ne Viertelstunde. Wenn du bis dahin nicht unten bist, ziehen wir ohne dich los. Aber glaub bloß nicht, daß Jaheiras Schwager dir dann noch einen Schluck Wasser kostenlos überläßt. Es ist deine Entscheidung!“

Vierzehn Minuten später humpelte ich die Treppe runter in den Schankraum. Mein Kopf dröhnte. Meine Beine bestanden aus Latex. Meine linke Schulter, auf der ich geschlafen hatte, war immer noch gefühllos und der Arm hing schlaff wie eine Wurst an meiner Seite herab. Aber ich war im Zeitplan. Meinen Rucksack zerrte ich hinter mir her die Stufen runter. Plop, plop, plop!
Die anderen saßen schon unten um einen Tisch und frühstückten. Ich roch gebratene Eier und frischen Kaffee und aufgebackene Brötchen. Ein Würgen stieg in meiner Kehle auf, ich lief stumm an ihrem Tisch vorbei, erreichte die Haupttür, machte einen Satz nach draußen und kotzte auf die große Eingangstreppe. Danach ging's mir besser und ich hatte Hunger.
Nachdem ich mir die letzten Schleimbröckchen aus den Mundwinkeln gewischt hatte, ging ich rein, frühstücken. Doch die anderen waren schon fertig und Jaheiras Schwager räumte den Tisch ab. Gerade, als ich mich hingesetzt hatte, standen die anderen auf.
„Los geht’s!“, sagte Babydoll Moni fröhlich und tätschelte einen Riesenvorschlaghammer, den sie immer mit sich herumschleppte.
„Ja, es wird Zeit!“, sagte Bayan.
„W-w-wer ra-ra-rastet, d-d-d...“
„... der rostet!“, ergänzte Jaheira ihren Liebhaber.
„Also auf in’s Vergnügen!“, schloß Sally und warf sich schwungvoll ihre Reisetasche um. „Hanky-Babe, bist du soweit?“
Ich war so müde...

An dem dunkeln, hinteren Ende der Theke saßen die drei seltsamen Typen vom Vorabend. Der Kopf den Dürren lag in einem riesigen, überquellenden Aschenbecher. Er schien zu schlafen. Der Typ mit dem Paket stierte glasig vor sich hin. Unter seinem Barhocker lag ein Haufen ausgequetschter Zitronenschalen. Der Zwerg neben ihm ließ nicht locker. Er zerrte und zwirbelte in seinem Bart. Ich hörte ihn nuscheln: „Vielleicht ein Gesundheitsball, aus dem die Luft raus ist? Nein?“
Pali schüttelte den Kopf und kicherte schwachsinnig in sich hinein. „Hihihihihihihi...“
„Eine Kronkorkensammlung aus Mexiko?“
„Nö, hihihihihihihi....“
„Die Memoiren eines vegetarischen Massenmörders?!“
„Gngngnhihihihihihi...“
„Hey Jungs!“, rief ich zu den dreien rüber. „Wir machen uns hier vom Acker! Laß euch nicht hängen!“ Keiner der drei achtete auf mich. Der Dürre wirbelte beim gleichmäßigen Ausatmen kleine Aschewölkchen auf. Ich fragte mich, ob es nicht verrückter war, morgens um halb sieben die Welt retten zu gehen als in einem vollen Aschenbecher seinen Schönheitsschlaf zu machen. Dann trottete ich den anderen hinterher.


Wir gingen zu Fuß. Es gab keine Busse, keine Taxis, keine Vorstadtbimmelbahn. Nichts. Kein verschissener Heuwagen mit Ochsen vorne dran war unterwegs, bei dem wir Anhalter hätten spielen können. Die Straße war leer. Normale Menschen waren um diese Zeit nicht unterwegs. Es war neblig, es nieselte, und der Weg bestand größtenteils aus Schlaglöchern und Pfützen. Man mußte quasi von Stein zu Stein hüpfen. Diese Steine waren naß und man rutschte immer wieder aus. Nach nicht mal eine Stunde war ich von oben bis unten durchnäßt, dreimal auf die Schnauze geflogen und hatte mir dabei das rechte Knie angeknackst. Den anderen schien das Wetter nichts auszumachen.
„Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsch angezogene Leute!“, hatte Moni gesagt, die sich einen gelben Ölmantel über ihren Panzer gezogen hatte.
Alle hatten Regenjacken dabei. Nur ich nicht. Sally hatte mir mal eine geschenkt, aber die hing im Schrank im Freundlichen Arm. Ich fluchte vor mich hin, während ich mich zum vierten Male lang legte. Mitten in eine besonders große, schlammige Pfütze. Ich überlegte, ob ich nicht liegenbleiben und das Ende dieses Albtraums abwarten sollte. Da hörte ich ein Grunzen. Ich hob den Kopf und starrte durch den Nebel. Die anderen waren stehengeblieben und starrten ebenfalls.
„Ein Oger!“, flüstert Bayan.
„Ein Oger? Bist du dir sicher?“, wollte Jaheira wissen.
„Garantiert.“
„Was machen wir jetzt?“, fragte Sally, ebenfalls flüsternd.
„Den machen wir kalt.“
„Was ist los?!“, fragte ich, und drückte mich aus der Pfütze hoch. „Du willst einen fremden Menschen einfach so umbringen?“
Bayan sah mich aus seinen violetten Augen verächtlich an. „Na sicher! Nur ein toter Oger ist ein guter Oger!“
„Das ist doch Wahnsinn, man kann doch nicht andere Leute nur ihrer Rasse wegen töten!“
„Oger verdienen es nicht, zu leben. Das sind keine Menschen, das sind Monster!“
Bayan war offensichtlich wahnsinnig, in ihm schien ein unkontrollierbarer Rassenhaß zu stecken. Ich mußte ein Unglück verhindern. Es galt zu handeln. Jetzt.
Ich sprintete los in Richtung des Grunzens und schrie dabei: „Hallo, hallo! Achtung, Herr Oger, passen Sie auf, Sie befinden sich in großer Gefahr man trachtet nach Ihrem Leben!“
Ich gewahrte eine Silhouette im Grau des Nebels. Sie kam näher. Sie wurde größer. Und größer. Und noch größer. Und ich hörte erneut ein Grunzen. Eine gurgelnde Stimme gröhlte: „Stirb, du quietschende Ratte!“
Die Silhouette nahm langsam Konturen an. Sie ragte so um die drei Meter empor. Grob geschätzt eine dreiviertel Tonne. Der Typ, dieser Oger, trug eine unbehandelte Baulatte in der Hand. Er war kahlköpfig und, soweit sein Körper nicht von einer nietenbesetzten Ledermontur verdeckt wurde, von oben bis unten tätowiert. Es waren Totenköpfe zu sehen und Adler, die mit Schlangen kämpften. Auf seinem rechten Oberarm war ein rotes Herz eingraviert, das von einem Pfeil durchbohrt wurde. Darunter stand: Love Mammi.
Auf der Stirn war ebenfalls ein Spruch eingeschrieben: Die welt ist scheitze, ich hase euch alle!
"Der Kerl muß eine harte Kindheit hinter sich haben", dachte ich noch, während die Dachlatte in den Händen des Ogers auf mich zukam. Zum Glück rutschte ich aus und sie zischte pfeifend über mich hinweg. Vielleicht war meine Taktik, offen auf die Leute zuzugehen, in vorliegenden Fall nicht die idealste Wahl gewesen. Der Tätowierte holte erneut aus. Ich sah seine verfaulten Zähne, als er, hocherfreut, mich vor ihm in einer Pfütze liegen zu sehen, breit grinste. Es waren wirklich sehr schlechte Zähne. Er roch aus dem Mund, das konnte ich selbst auf diese Distanz riechen. Schade, dachte ich, schade, daß es so schnell vorbei ist. Ich hätte mir schöneres Wetter zum Schluß gewünscht.
Dann krachte es. Die schlechten Zähne über mir verschwanden und wurden durch Monis Vorschlaghammer ersetzt. Sie hatte das Ding geworfen!
Ein Pfeil durchbohrte das Herz auf dem Oberarm des Ogers. Schneller, als ich hätte blinzeln können, folgten zwei weitere Pfeile, die sich dem Kerl in die Augen bohrten. Er ließ die Dachlatte fallen. Vielleicht wollte er etwas zur Sache äussern, aber ohne Unterkiefer bestanden gewisse anatomische Hindernisse. Bayan schickte drei, vier, fünf weitere Pfeile, die sich dem Riesen in den Hals bohrten. Er wankte. Wie in Zeitlupe. Das ist in Filmen auch immer so. Er fiel. Ratet mal, auf wen...

2 Comments:

Anonymous Garfield said...

Schön, dunkel, dreckig und wunderbar politisch inkorrekt. Ein paar Passagen könnten ruhig noch dreckiger sein. Der Teil mit der Schmierseife ist perfekt gelungen.
Ich geb dir jederzeit einen aus, Hank.

Garf, Halbork

11:04 nachm.  
Blogger Hank said...

Dank Dir, Grüner! :-)

4:54 vorm.  

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