Hanks Story
Folgener Text ist uralt und begann als zufälliges Posting in einem Rollenspielforum. Die Geschichte fing an, sich von selbst fortzupflanzen. Sie gebar immer neue und neue Buchstaben und Worte und Sätze und Absätze und... Irgendwie find ich die heute noch ganz nett und ich dachte mir, ich könnte die hier nochmal veröffentlichen für den (geplanten) Fall, dass meine einstige Homepage demnächst komplett neu aufgebaut oder gelöscht wird. Es gibt bislang zehn Kapitel der Geschichte und die werde ich hier in der nächsten Zeit mal alle reinschieben und gegebenenfalls danach weitere Kapitel hinzuspinnen. Leute, die das Spiel "Baldurs Gate" kennen, werden vielleicht etwas mehr damit anfangen können als der Rest.
Das BI-Experiment
Yeah, is schon ne coole Gegend hier,
Schwertküste und so. Rauschende Wellen, tiefgrüne Wälder,
handzahme Eichhörnchen, springende Fische… Obwohl mir die Palmen
fehlen und die schokobraunen Juanitas, die einem eisgekühlte
Cocktails an die Liege bringen. Aber ich will nicht klagen. Immer
noch besser als meine alte Absteige, irgendwo downtown L.A….
Es war einer von diesen Tagen, wo man
sich nicht entscheiden konnte, wegen was man nun den Kopf auf die
Bahnschiene legen sollte: wegen der hirnerweichenden Chico-Musik aus
der Nachbarschaft oder wegen des akuten Biermangels. Es war einer von
diesen Tagen, wo die Lokführer gestreikt hätten. Und irgend ein
kleiner Pisser aus der zwölfköpfigen Latino-Kinderschar im vierten
Stock wäre gekommen, hätte mit dem Finger auf einen gezeigt und
dabei geschrien: „Hey Leute, der alte Saufsack Chinsasky zieht mal
wieder seine Show ab! Der alte Kinderficker will uns was von
Weltschmerz erzählen!“ Und dann hätte er einem zum Abschied in
die Weichteile getreten.
So ein Tag war das. Der
Smog lag über dem Viertel wie eine verlauste alte Hundedecke.
Ich sparte mir den Weg
zu den Bahnschienen, sollten die ihren Streik doch alleine aussitzen.
War jetzt schon den zwei Tage trocken, übel dran und inzwischen
soweit, daß ich selbst meine Schreibmaschine versetzt hätte, wenn
irgendein Pfandleiher mir dafür das monetäre Äquivalent eines
Sixpacks über die Theke geschoben hätte. Ich war so was auf den
Hund gekommen, daß ich Worte wie „monetäres Äquivalent“ meinem
Spiegelbild ins Gesicht sagen konnte, ohne diesem Arschgesicht sofort
eins reinzuhauen. Dann knallte ich den Spiegel aber doch kaputt, um
meinen Vermieter zu ärgern.
Man hätte also mit Fug
und Recht die These aufstellen können, daß ich nicht besonders gut
drauf war. Mit meinen gelbgepinkelten Shorts, meinem fleckigen
Feinripphemd, mit den blauvioletten Quetschungen von der letzten
Schlägerei und dem teergetränkten Stofflappen auf der Zunge zeigte
ich mich alles andere als in Form. Vor allem, wenn es darum gegangen
wäre, zwei blondbeinige Anglistikstudentinnen aus good old Europe zu
begrüßen.
Doch das Schicksal fragt
dich nicht, ob du bereit und in Form bist. Das Schicksal schlägt
immer im ungelegensten Augenblick zu. An diesem Abend schlug es nicht
etwa einfach. Es pochte auch nicht hallend an die Pforte. Es ließ
ein trommelfellfeindliches Schrirren ertönen, das in irgendeiner
diabolischen Verbindung zu dem Knopf links von meiner Wohnungtür
stehen mußte.
- „Hey, kann man
reinkommen?!“, fragte eine Mädchenstimme. Die Tür ging von selber
auf, weil ich erstens nie abschließe, und weil zweitens auch kein
funktionstüchtiges Schloß vorhanden war.
- „N‘abend! Sind Sie
Chinasky? Hank Chinasky, der Dichter und Autor?!“, fragte eine der
beiden. Sie hatte eine von diesen knalligen Blue-Jeans an, die die
Mädel mit vierzehn Jahren eine Nummer zu eng kaufen, und in denen
sie dann wahrscheinlich vier Jahre leben, ohne sie zwischendurch
auszuziehen, um im wahrsten Sinne hineinzuwachsen. Es soll Leute
geben, die stehen nicht auf solche Beine in solchen Hosen, die
eigentlich gar keine Hosen, sondern nur Farbspuren auf warmem Fleisch
sind. Aber das ist allseits bekannt, daß es nur so von Spinnern und
saftlosen Schwuchteln wimmelt auf diesem Planeten. Und es stört mich
auch nicht weiter.
Ihre Freundin war auch
nicht schlecht, selbst wenn sie nicht so’ne klasse Hose anhatte.
Dafür war sie oben rum so ausgestattet, daß es auch einem
hartgesottenen Trinker den Atem verschlagen konnte. Obwohl ich schon
so einiges gesehen hatte im Leben.
- „Ey, wer hat euch
hier reingebeten?“, grunzte ich, „ Ich hab keine Einladungskarten
verschickt, soweit ich mich erinnern kann.“
Die mit den Jeans
versuchte zu beschwichtigen: „Tschuldigung, die Tür war offen, und
da dachten wir… Ich heiße Sarah. Meine Freundin Meike und ich, wir
kommen aus Deutschland. Wir machen ’ne Rundreise durch die USA. Und
als wir hier in L.A. ankamen, da dachten wir, wir besuchen einfach
mal den weltberühmten Schriftsteller Chinasky, um zuhause unsern
Dozenten was erzählen zu können.“
- „Ja genau“,
ergänzte Meike, „Und wir haben hier auch was zu trinken dabei,
schließlich wollten wir Ihnen ja nicht unangemeldet den Kühlschrank
plündern!“
Sie schwenkte eine
Flasche Jack Daniels.
- „Ist das alles, was
ihr mitgebracht habt?“, wollte ich wissen.
- „Oh nein, draußen
im Wagen haben wir auch noch ’ne Palette Budweiser dabei.“
- „Okay Mädels, kommt
rein und macht‘s euch gemütlich!“
Dann lief mal wieder die
übliche dämliche Vorstellung ab. Sie wollten wissen, was mich zu
meinen Gedichten inspirierte. Ob ich wirklich mal von einer drei
Zentner schweren Polizistin vergewaltigt worden sei, wie ich es im
letzten Buch geschrieben hatte. Und wie das mit meiner Kindheit
gewesen sei, was ich dabei gefühlt hatte, als mein Vater mich mit
dem Baseballschläger zum Rasenmähen motivierte, während meine
Kumpels zum Baseballmatch gehen durften. Und woher die Narben in
meinem Gesicht stammten, die mich so tragisch erscheinen ließen.
Also erzählte ich ihnen
die Story von meiner Akne, von meiner Weltrekord-Pickel-Phase,
während der ich zweimal die Woche zum Arzt mußte und mir die
Schwester jeden Eiterpickel einzeln aufschnitt. Und der Arzt, dieser
Psychopath, konnte sich gar nicht wieder einkriegen vor Begeisterung,
so ein Fall sei ihm in der ganzen Fachliteratur noch nie
untergekommen. Für ihn war ich der Pickel-Champion. Wenn es für
Akne Wettbewerbe gegeben hätte, hätte er mit dem Gaul Chinasky alle
Pokale abgeräumt. Seine Assistentin schlitzte jede dieser
Eiterbeulen mit einem kleinen Skalpell auf, welches nach jedem Stich
wieder desinfiziert werden mußte. Aber das brachte auch nicht viel,
denn die Pickel kamen immer wieder neu. Solange, bis meine Eltern
keine Lust mehr hatten, ihr sauer verdientes Geld in einen bodenlosen
Eiterkrater zu werfen.
So war diese
Arztassistentin die einzige Frau, die mir vom fünfzehnten bis
achtzehnten Lebensjahr näher als einen Meter kam, und sie war daher
auch der Inhalt meiner ersten feuchten Träume. Dabei hatte sie
schiefe Zähne und ihre Frisur glich einem vom Truck überfahrenen
Chow-Chow.
Kurz nach dem
Behandlungsende meiner Champion-Akne verschwand selbige übrigens von
selbst. Wahrscheinlich weil ihr die Bewunderung des Arztes
fehlte. Oder weil ich mit dem Saufen anfing. Aber die Narben blieben
und verliehen mir dieses abenteuerlich toughe Aussehen, das noch
besser kam, wenn man dicke Zigarettenqualmschleier davor hinziehen
ließ.
All das erzählte ich
Sarah und ihrer Freundin Meike, so, wie ich es schon Dutzenden von
Studentinnen erzählt hatte. Wie die meisten anderen Studentinnen
auch quiekten sie zuerst, als ich ihnen die Hand auf den Oberschenkel
legte. Dann war das Gekreische ihnen peinlich, und sie schoben meine
Hand immer wieder schweigend, wie nebenbei, weg, wenn ich damit zu
hoch wanderte, und erzählten was von ihren Boyfriends, und dann nahm
ich nochmal meinen ganzen Mumm zusammen und schob der Meike die Hand
bis dahin, wo früher mal, als sie noch nicht mit ihr verwachsen war,
der Schlitz ihrer Jeans gewesen sein mochte. Aber das ging ihr zu
weit, und sie stand auf und meinte, ich würde mich ja benehmen wie
ein Schwein. Dann ging sie raus zu ihrem Wagen, um die Palette Bier
zu holen und ich gab‘s auf, die beiden zu befummeln und
konzentrierte mich auf die Getränke.
Wir redeten noch eine
Weile sinnlos rum, während die Bierdosen weniger wurden. Dann wollte
Meike mal meine legendäre Schreibmaschine sehen, und ich zeigte sie
ihr. Wie ich denn da drauf schreiben könne, fragte sie mich, ob ich
denn immer noch keinen Laptop hätte, den würde doch heute jeder
Autor benutzen. Ob ich ihren Laptop mal sehen wolle?
- „Yep, nur immer her
damit, ich bin Neuem gegenüber total aufgeschlossen!“ Also holte
sie ihren Laptop aus dem Wagen und noch eine Menge mehr technischen
Krimskrams. Ob ich denn schon mal im Internet gewesen wäre, wollten
sie von mir wissen.
- „Nee, ich komm kaum
noch aus dem Viertel. Hier habe ich alles, was ich brauche, einen
Drugstore an der Ecke, ein paar gute Bars, zwei Straßen südlich und
jede Menge Todfeinde, die mich zu meinen Gedichten inspirieren.“
Meike lachte mich aus.
- „Mann, Hank, du mußt
deinen Arsch gar nicht hochheben, um ins Internet zu kommen, das ist
doch das Geniale daran, du kannst hier in deiner versyphten Bude
sitzen bleiben und doch die ganze unendliche Weite des Cyberspace
bereisen!“
- „Hört sich gut an,
scheint sich nicht um sowas Anstrengendes wie Sport zu handeln, das
versuche ich mal!“, meinte ich.
- „Okay!“, meinte
Sarah, „hast du hier irgendwo einen Telefonanschluß?“
Ich stand auf, um ihn
ihr zu zeigen, und stützte mich, beim Hochhieven aus dem Sofa, bei
Meike an der Schulter ab, wobei ich aus Versehen abrutschte und ihr
zufällig und aus Versehen zwischen die Titten griff. Es fühlte sich
warm und gut an, war aber viel zu schnell vorbei.
Sarah und Meike waren
absolut auf der Höhe der Zeit. Sie hatten alles, was Klassemädchen
heute so brauchen. Perfekte Beine, Holz vor der Hütte und die
absolut neueste Hardware, direkt von irgendeiner Messe in ihrem
Heimatdorf Hannover. Da hatten sie als Hostessen gearbeitet.
- „Wird dir gefallen,
Hank!“, versprach Meike, „Du wirst staunen, was es da so alles
gibt, man kann sogar Sex im Cyberspace haben, gefühlsecht und
alles.“
Sie zeigte mir
verdrahtete Handschuhe und setzte sich so eine abgefahrene,
tonnenschwere Spiegelbrille wie aus einem Alien-Film auf. Sah
dämlich, aber irgendwie auch pervers gut aus. Ihre Brüste kamen
noch besser zur Geltung, wo jetzt der ganze Kabelsalat da locker
drüber mäanderte.
- „Hier, es gibt sogar
einen Vibrator, den man über das Web steuern kann!“, meinte Sarah.
Das Teil sah aus wie
eine schwarze Möhre mit Telefondrahtstrippen statt Kraut obendrauf.
- „Nicht so mein
Ding.“, sagte ich. „Oder soll ich mir das in den Hintern
schieben?“
Sarah giggelte ein
bißchen. Würde sicherlich lustig wirken, meinte sie, bestand aber
nicht weiter darauf. Meike hatte inzwischen ihren Laptop an meinen
Telefonanschluß gestöpselt.
- „Komm her, Hank, ich
zeig dir mal, wie man surft!“, forderte sie mich auf. „Das ist
ganz einfach, man klickt sich einfach so von Hyperlink zu Hyperlink,
jedes Kleinkind kann das!“
- „Ich bin aber kein
Kleinkind, und auch kein Wassersportler. Ich bin ein pensionsreifer
Knacker und hab nix mit Hyperlinks zu schaffen!“
- „Mensch Hank, nun
sei mal nicht so mies drauf! Versuch’s doch einfach mal. Hier, das
da ist der Trackball, mit dem kannst du den Cursor auf dem
Bildschirm…“
Es war nichts für mich.
Keine Chance. Meine Finger waren taub, wie mein Arzt mir immer
vorhergesagt hatte, wenn er mich vom Rauchen abhalten wollte. Ich
kriegte den blöden Trackball nicht richtig bewegt. Dieser mickrige,
weiße Pfeil, der Cursor, zitterte wie eine Albinofliege mit
Schüttelfrost über das Display von Meikes Laptop. Ich zischte mir
zwei, drei weitere Bier rein, aber es wurde kaum einfacher dadurch.
Schließlich gab ich auf.
- „Okay, ich denke,
Hank ist reif für das BI!“, sagte Meike und grinste Sarah
verschwörerisch an.
- „Meinst du wirklich,
wir können ihm das Ding vorführen?“, fragte Sarah und guckte auch
so komisch dabei.
- „Ich glaube, er
würde es nicht bösartig ausnutzen“, nickte Meike.
- „Hey, von was redet
ihr beiden da?!“, wollte ich wissen. „BI – ist das sowas wie
ein spezieller, weiterentwickelter BH oder so?“ Manchmal hab ich
richtig helle Momente.
- „Hhmm.“, machte
Sarah.
- „Hhmm.“, machte
auch Meike.
- „Also was ist jetzt,
sagt ihr mir, was ein BI ist?“, fragte ich.
- „Eine absolute
Neuentwicklung. Genaugenommen noch in der Beta-Test-Phase.“,
erklärte Sarah, und ich kapierte nix.
- „Ein Gerät, das für
Leute mit Störungen der Feinmotorik entwickelt wurde, damit auch die
sich frei im Internet bewegen können.“, erläuterte Meike, und ich
kapierte immer noch nix.
- „BI
– das ist eine Abkürzung für Brain-Interface.
Ein direkter Zugang zum Web, ohne daß man noch eine Tastatur
bräuchte.“, sagte Sarah, „ Man steckt sich einfach einen kleinen
Stecker ins Ohr, so wie ein Hörgerät, und dann hat man eine direkte
Verbindung vom Gehirn zum Computer, und damit auch zum Web. Allein
durch die Kraft Deiner Gedanken kannst du dich dann im Cyberspace
bewegen. Ist wirklich brandneu! Auf der Cebit wurde es noch nicht
ausgestellt, wegen kleindeutscher bürokratischer Pingeligkeiten
irgendwelcher beamteter Datenschützer. Das ist so top-aktuell, daß
es erst bei der nächsten Computerspiel-Messe vorgestellt werden
soll, die wir bei unserer Tour durch Amerika auch noch besuchen
wollen.“
Sarah zeigte mir einen
kleinen Stöpsel, der die Form eines abgebrochenen Kulis mit
Gewichtsproblemen hatte. Den sollte ich mir bis zum Anschlag ins Ohr
stecken, und dann auf ein winziges Knöpfchen an seinem Ende drücken.
- „Und was passiert
dann?“, wollte ich wissen.
- „Dann fährt da eine
hauchdünne Nadel am vorderen Ende raus, die sich direkt durch die
Innenseite deines Ohres in das Gehirn schiebt.“
- „Sagt mal, haltet
ihr mich für bescheuert, oder was? Ich stech mir doch kein Loch in
den Kopf!“, protestierte ich.
-
„Mensch Hank, du bist wirklich ein Schisshase! Das habe ich schon
dirverse Male gemacht. Die Nadel ist dünner als die Nadeln, mit
denen die Chinesen seit tausenden von Jahren ihre Akupunktur machen!
Da fließt kein einziger Tropfen Blut, die Nadel ist elastisch und
schiebt sich wie eine mirkroskopische Schlange zwischen den
Zellwänden hindurch. Zwischen
den Zellwänden, verstehst du? Da geht nicht eine einzige Zelle
kaputt. Das spürst du gar nicht.“, sagte Sarah.
- „Yeah, eben hast du
uns noch von diesen Pusteln erzählt, die dir die Arzthilfe immer
aufgeschlitzt hat, und jetzt läßt du dir von einem Mückenstich
Angst einjagen?“, sprang Meike ihr bei.
- „Außerdem“,
ergänzte Sarah, „im Internet könnte es durchaus sein, daß ich
mir deinen Finger in die Muschi schieben lasse. Das wäre dann ja
rein virtuell und nicht so schmutzig wie in der Realität…“
Ich war überzeugt.
Meike verkabelte diesen BI-Kuli mit ihrem Laptop, und ich propfte ihn
mir ins Ohr.
- „Bist du bereit?“,
fragte sie mich noch. „Du mußt die Augen schließen, damit es
funkioniert.“
Ich nickte und hielt den
Daumen hoch.
- „Yepp, kann
losgehen.“
Sie klickte auf ihrem
Laptop herum, man hörte so ein Piepsen und Knarzen und Rattern, und
dann.
***
Auf einmal saß ich mit
meinem blanken Allerwertesten auf einer spiegelglatten Straße. Diese
Straße war nicht warm und nicht kalt, sie fühlte sich nach
überhaupt nichts an. Ich machte die Augen auf und merkte, daß ich
vollkommen nackt war. Die Straße war keine Straße, sondern eine
unendlich sich zu allen Seiten erstreckende Ebene. Direkt vor mir
ragte ein leuchtender Torbogen auf, auf dem zu lesen stand: YAHOO,
IHR PORTAL ZUM WEB. WAEHLEN SIE UNS ZU IHRER GANZ PERSÖNLICHEN
STARTSEITE!
Da ich nicht wußte, wo
ich war, latschte ich zu diesem Torbogen und marschierte hindurch.
Dahinter war nichts. Die gleiche unendliche Ebene wir davor, doch als
ich mich umdrehte, war das Tor weg. Ich war gefangen. Meike und Sarah
hatten mich mit ihren haltlosen Versprechungen reingelegt. Ich war im
Niemandsland, mutterseelenallein, weit und breit keine Muschi, nicht
mal ein Laden, wo man sich eine Kanne Bier hätte besorgen können.
Außerdem hatte ich eh kein Geld dabei, denn ich hatte ja keine
Klamotten an, und meine Schreibmaschine auch noch nicht versetzt.
So stand ich da und
fragte mich: Was nun?
Ich schrie und brüllte
ein bißchen herum. Ich sprang im Kreis, wie man es tun soll, um
unterdrückte Emotionen in Bewegung zu kanalisieren. Ich verfluchte
die ganze moderne Technik und alle vollbusigen Hostessen dieser Welt.
Ich schmiedete Rachepläne und lachte wie ein Irrer, weil ich diese
Pläne ja nie würde verwirklichen können. Es war der Horror,
schlimmer als kalter Entzug.
Als ich müde war vom
Rumbrüllen und im Kreis springen, setzte ich mich hin und wartete
ab. Wie lange ich wartete, weiß ich nicht mehr, aber plötzlich
stand ein Typ neben mir. Er war mindestens einsneunzig groß, wog
aber höchstens siebzig Kilo und sah aus, als hätte ihn jemand aus
einem Film über Ausschwitz geklaut, so dürr war er. Außerdem war
er nackt wie ich und daher konnte man seine Rippen einzeln zählen.
- „Hi, wie geht‘s?“,
begrüßte er mich.
- „Bist du denn noch
wahnsinniger als ich?!“, schrie ich ihn an, “Wir befinden uns
hier in einer endlosen spiegelblanken Wüste, und du fragst, wie es
mir geht? Wie fühlte sich die Schnecke auf der heißen Herdplatte,
na, was meinst du?! Ich will hier weg!“
- „Ah, ein Newbie,
was?“, sagte er.
- „Ein was?!“
- „Ein Newbie, ein
Neuling im Cyberspace, richtig? Irgendjemand hat dir das BI
reingepflanzt, ohne dich richtig zu informieren, und jetzt hast du
keinen Plan, korrekt?“
- „So könnte man das
wohl ausdrücken. Kennst du dich hier denn aus?“
-
„Aber klar doch! Ich bin einer der Entwickler der BI-Software.
Naja, genaugenommen bin ich noch Informatikstudent in der Ausbildung,
wir helfen manchmal für ein paar Euro aus, wenn Arbeitskräfte
fehlen. Da sind noch einige Macken drin im Programm, deswegen müssen
wir immer wieder Routineuntersuchungen durchführen. Also paß auf:
Das, was jetzt für dich wie eine endlose Ebene aussieht, ist in
Wirklichkeit eine dreidimensionale, multisensorische Umsetzung des
Cyberspace. Du kannst dich hier frei in alle Richtungen bewegen und
alle Sites besuchen, die dich interessieren. Du brauchst nur die
Adresse der gewünschten Site zu kennen, dann sprichst du sie aus,
und schon steht vor dir ein Zugangsportal zu eben dieser Site. Es
gibt Millionen, ja Milliarden von Sites, und diese endlose Leere hier
vor dir, das ist nur die Projektion deiner Ahnungslosigkeit. Denke an
irgendeine Web-Anschrift, zum Beispiel amazon.com
und voila! Schon stehst du vor dem Bücherladen.“
Und tatsächlich: Sobald
er es gesagt hatte, tauchte vor uns ein anderes Portal auf, und wenn
man hindurchguckte, konnte man dahinter endlose Bücheregalreihen erkennen.
- „Ich wünsche dir
ein schönes Leben hier im Cyperspace!“, sagte der
Informatikstudent und wollte durch ein anderes Portal mit einer
unaussprechlichen Überschrift hindurchgehen.
- „He, warte mal!“,
sagte ich und hielt ihn an seinem dürren Ärmchen zurück. „Was
soll das heißen, du wünschst mir ein schönes Leben?“
- „Nun ja“, meinte
er verlegen, „Wie gesagt, es gibt da einige Macken in der Software.
Vor allem haben wir Probleme mit der Zeitvariablen. Das bedeutet, daß
man jedesmal, wenn man das BI benutzt, für den Rest seines Lebens im
Cyberspace bleiben muß, da es noch keine psychologisch
unbedenklichen Möglichkeiten gibt, einen Cyberspace-Reisenden
nachher wieder in die Realität zu entlassen. Das ist nicht direkt
unser Fehler, es ist ein Bug im Zusammenhang mit der neuen
DX-Version, dafür können Sie sich bei Bill Gates bedanken…“
- „WIEBITTE?! Ich bin
für den Rest meines Lebens hier gefangen?“ Mir kroch das Grauen
als klebrige Spinne über die Haare meines nackten Bauches bis zur
Gurgel empor.
- „Nun ja, natürlich
nicht für den Rest Ihres wirklichen Lebens! Sondern nur für den
Rest Ihres Cyberspace-Lebens. Die Zeit hier hat nichts mit der Zeit
da draussen zu tun. Wenn Sie hier dreissig Jahre verbringen, vergehen
draussen vielleicht nur dreißig Sekunden. Relativität der Zeit, so
ist das nun mal. Ich gebe zu, das ist ein wenig unangenehm.
Andererseits werden Sie sich, wenn sie wieder offline sind, an Ihr
Leben hier im Cyberspace nicht mehr erinnern können. Sehen Sie‘s
also positiv, sie bekommen hier quasi ein Extra-Leben geschenkt.“
- „Ich will aber nicht
für den Rest meines Lebens hier bleiben, auch wenn das gar nicht der
Rest meines Lebens sein sollte! Ich will hier raus!“
-
„Tja, wie gesagt, das ist derzeit leider nicht möglich. Ein Bug,
der bestimmt bei der finalen Version der BI-Software gepatcht sein
wird. Bei Beta-Versionen muß man schon mal mit kleinen Fehlern
rechnen, das stand ja im license
agreement auch klar
und deutlich drin. Außerdem ist es auch nur halb so schlimm: Wenn
Sie keine Freude mehr am Cyberspace haben, dann begehen Sie eben
Selbstmord, und schon sind Sie wieder draußen in der Realität. Der
Selbstmord hier in der BI-Software entspricht dem Klammeraffengriff
Strg+Alt+ESC auf der Tastatur. Damit rebooten Sie ihr System und sind
sofort offline. Dabei kann es natürlich zu Datenverlusten kommen.“
- „Also nochmal für
einen alten Mann zum Mitschreiben: Wenn ich hier raus will, muß ich
nur Selbstmord begehen, richtig? Und ansonsten kann ich alle
möglichen Orte besuchen, einfach, indem ich mir ihren Namen
vorstelle und ihn ausspreche, ja?“
- „Nun, wie gesagt,
beim Rebooten kann es zu Datenverlusten führen, weswegen ich vom
Selbstmord eher abraten würde. Und was das Besuchen aller Orte
angeht, so gibt es da zwei Einschränkungen. Erstens muß das
Aussprechen der Adressen in einem gewissen Toleranzbereich liegen,
damit das Programm sie erkennt. Am besten ist es immer, die ganz
genaue Adresse einer Seite anzugeben, aber Sie sind ja durch das
Portal einer Suchmaschine gekommen, sodaß die Software sozusagen
mitdenkt, und allgemeine Stichworte schon genügen.“
Das gefiel mir: “Klasse!
Dann brauche ich nur das Stichwort „Sex“ zu sagen, und schon
erscheinen mir alle Portale, die in das Wunderland der körperlichen
Liebe führen?“
- „Nun ja, theoretisch
schon, gewiß. Aber ich sprach ja von zwei Einschränkungen. Die
zweite ist in diesem Fall jene, daß wir hier eine pädagogische
Sicherheitssperre für Kinder und Jugendliche eingebaut haben, die
verhindert, daß der User Seiten mit pornografischen oder
gewaltverherrlichenden Inhalten besucht.“
Das traf mich hart.
„Also keine feuchten virtuellen Muschis?“
- „Ich befürchte,
nein!“
Sprach‘s
und verschwand durch ein Portal, auf dem BI_software-engeneering.com
stand.
Ich war wieder allein.
Sarah hatte mich reingelegt. Und ich würde ihr das nicht mal
vorwerfen können, weil ich ja, wenn ich zurück in die Realität
käme, alles würde vergessen haben. Was für eine hinterfotzige
kleine Hexe! Trotzdem wollte ich natürlich sofort zurück in die
Realität. Nur wie? Selbstmord?! Einfach gesagt. Nur hätte ich mir
dazu ja, nackt wie ich war, die eigene Kehle per Hand zudrücken
müssen. Das brachte ich nun wirklich nicht fertig. Ich hätte
Selbstmord nicht mal fertiggebracht, wenn man mir einen garantiert
schmerzfrei wirkenden Giftcocktail vorgesetzt hätte. Der Mensch
hängt an seinem erbärmlichen Leben, selbst, wenn es sich um ein
virtuelles handelt.
Also wollte ich mir
vielleicht doch erst mal diese jugendfreien Sachen im Cyberspace
angucken. Das Portal von dem magersüchtigen Informatik-Studenten
stand noch offen, aber ich hatte keine Lust, ihm nochmal über
den Weg zu laufen. Als Schriftsteller dachte ich alphabetisch
assoziativ. BH, BI – BG. Also sagte ich einfach so BG vor mich hin.
Mal sehen, ob das Programm etwas zu so einer Abkürzung fand.
Zu meiner nicht gelinden
Überraschung tauchte tatsächlich ein Portal auf, ein riesiges Ding,
mit mittelalterlichen Verzierungen und allerhand Schnickschnack
darauf. Oben stand in gotischen Lettern zu lesen:
WELCOME TO BALDURS GATE, WELCOME TO
THE SWORD COAST!
Das hörte sich gut an:
Schwertküste, das klang nach Strand und Palmen… Ich ging hindurch.
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